»Musik will gehört werden«

Carolin Nordmeyer ist seit 2018 die künstlerische Leiterin des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters (sjso). Es ist das musikalische Exzellenzprojekt des Bezirks Schwaben, wurde 1959 gegründet und hat sich zu einem der angesehensten Jugendorchester in Süddeutschland entwickelt. Teilnehmen kann nur, wer ein Probespiel erfolgreich durchlaufen hat. Viele ehemalige Musikerinnen und Musiker haben die Profilaufbahn eingeschlagen und sitzen heute an den Pulten der bedeutendsten deutschen Orchester von München bis Berlin und Hamburg. Zusammen mit dem sjso tritt Carolin Nordmeyer im Frühjahr und Herbst mit je drei Konzerten in Schwaben auf, eines davon immer im Kongress am Park in Augsburg.

 

Sie sind seit 2018 die künstlerische Leitung des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters. Welche Aufgaben haben Sie neben dem reinen Dirigieren?

Carolin Nordmeyer: In den Arbeitsphasen ist es die Probenarbeit mit den Jugendlichen – die besteht aus dem Dirigieren, aber vor allem auch aus der Interaktion mit den Jugendlichen: also dem gemeinsamen Arbeiten an den Werken und dem, was die Jugendlichen daran interessiert und bewegt. Arbeitsphase bedeutet aber auch, dass man ganz viel Zeit gemeinsam verbringt. Wir sind sieben bis zehn Tage rund um die Uhr zusammen, essen gemeinsam, spielen auch mal Tischtennis und sitzen abends beisammen.

Über das Jahr gesehen geht es um die große künstlerische und strategische Linie, also die Frage: Wo wollen wir hin mit dem Orchester? Welche Stücke, Solistinnen und Solisten oder auch Kooperationen sind „dran“? Das Ausloten der künstlerischen Linie ist ein wesentlicher und ganz besonders spannender Teil meiner Arbeit zwischen den Arbeitsphasen.

Bei allem ist klar, dass unsere Jugendlichen im Mittelpunkt stehen. Das Schwäbische Jugendsinfonieorchester ist in allererster Linie ein musikpädagogisches musikalisches Exzellenzprojekt für die Jugendlichen. Man kann gar nicht oft genug betonen, wie großartig es ist, dass der Bezirk Schwaben sich so klar für Kulturförderung und kulturelle Bildung für die Jugendlichen positioniert.

Als Dirigentin gestalten Sie das Spannungsfeld Orchester – Publikum – Musik. Wie versuchen Sie beim sjso dieser Aufgabe gerecht zu werden?

Ein integraler Bestandteil meines Lebens als ausübende Künstlerin auf der Bühne ist meine Haltung, dass das Publikum Teil des Konzerts ist. Musik will gehört werden. Das Konzert denke ich also von beiden Seiten aus. Wenn ich auf dem Podium stehe, fühle ich mich im 360-Grad-Fokus. Ich habe vor mir mein Orchester und hinter mir und um mich herum unser Publikum. Dieses Wahrnehmen und Wenden ist für mich einer der wichtigsten und schönsten Aspekte in meinem Dasein als ausübende Künstlerin auf der Bühne.

Beim Zusammenstellen der Konzertprogramme will ich durch das In-Beziehung-Setzen von bekannten wie auch unbekannteren Werken die Entdeckerfreude beim Publikum wecken. Ich will eine durchlässige Beziehung zwischen Orchester und Publikum, so kann ich eine Brücke öffnen von der Bühne ins Publikum, die in beide Richtungen geht. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Die Frühjahrskonzerte stehen unter dem Titel „Klang des Lebens“. Was ist Ihr persönlicher Klang des Lebens?

Mein Klang des Lebens ist ein Leben im Klang. Unterschiedliche Momente und Lebensphasen brauchen unterschiedliche Klänge, und die sind bei mir ganz weit gefächert. Jedes Stück, mit dem ich mich beschäftige, in das ich tief eintauche, ist mein Klang des Lebens in diesem Moment. Natürlich gibt es auch Musik, die mich besonders tief berührt. Musik von Johann Sebastian Bach berührt meine Seele im Innersten, mein Herz, kitzelt aber auch meinen Kopf. Auch Oper berührt mich sehr, Menschen und ihre Beziehungen in Musik gegossen – das Gebet der Jenůfa von Janáček zum Beispiel oder die Arie der Gräfin aus Mozarts „Figaro“. Mit Musik kann man Menschen erreichen und vielleicht Prozesse anregen, die man gar nicht so genau beschreiben kann.

Ich höre bei Ihnen raus, dass Musik ihr lebensveränderndes Motiv ist. In der Vergangenheit äußerten Sie den Wunsch, die Welt verbessern zu wollen. Wie können Sie als Dirigentin diesem Ziel näherkommen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass Musik, Kunst und Kultur für uns als gesellschaftsorientierte Wesen unglaublich wichtig und gemeinschaftsstiftend sind.

Das gemeinsame Musizieren und Erleben von Musik ist etwas unglaublich Verbindendes.

Mit unserem sjso erlebe ich, dass jede Person das Ihrige dazu beiträgt, etwas entstehen zu lassen, das viel größer ist als die Summe der Einzelteile. Wir verbinden uns in einer gemeinsamen Idee und bringen diese zum Klingen, zum Leuchten.

Auch was die Jugendlichen über die Orchesterproben hinaus erleben, kann sie einfach nur zu noch besseren Menschen machen. Sie leben ganz selbstverständlich Werte wie Respekt und Verantwortung, Zusammenhalt und einen wertschätzenden Umgang miteinander. Auch eine konstruktive Fehlerkultur lernen sie.

Diese Erfahrung ermöglicht ihnen, auch an anderen Stellen innerhalb unserer Gesellschaft ganz selbstverständlich Verantwortung zu übernehmen, Schwierigkeiten auszuhalten und ein großes Ganzes im Blick zu behalten. Gemeinsames Musizieren hat einen unschätzbaren Wert. Auch, um die Welt besser zu machen.

Wenn Sie nicht am Dirigentenpult stehen, wo kann man Sie in Augsburg antreffen?

Beruflich oft im Leopold Mozart College of Music, da gibt es viele Konzertprojekte, bei denen man mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen, aber vor allem unsere Studierenden miterleben kann. Ansonsten bin ich gerne mit meiner Familie unterwegs in den Westlichen Wäldern oder in der Innenstadt.

Augsburg bezeichnet sich als Mozartstadt. Ist Augsburg Ihrer Meinung nach eine Musikstadt?

Ja unbedingt! In der Stadt sind so viele musikalische Player unterwegs, auch in unterschiedlichsten Genres, das ist ganz wunderbar. Da ist auch viel Dialog, vom Staatstheater über das Mozartfest, das Leopold Mozart College of Music, aber natürlich auch die zeitgenössischen Formate. Das belebt die Stadt unglaublich. Es ist grandios, was wir in der Jazz- und Popkulturszene zu bieten haben und was in der jungen Generation los ist. Ich erlebe eine Offenheit und eine Freude am Dialog, am gemeinsamen Schaffen, das ist herrlich!

Worauf freuen Sie sich bei den Frühjahrskonzerten?

Auf alles! Ganz konkret freue ich mich wahnsinnig auf unseren Solisten Jonas Gira, der als Teenie im sjso spielte – und obwohl er immer noch verflixt jung ist, ist er inzwischen Solo-Hornist beim SWR-Symphonieorchester, einem der größten Rundfunkorchester Deutschlands. Ich freue mich aber wirklich auf alles, jedes Stück, jede Probe, jedes Konzert – auf das ganze Orchester!

Interview: Tanja Wurster, Pressestelle, Bezirk Schwaben